November 2017

Aber von vorn:

Wie wir in der Juni-Ausgabe von »Friedrichshagen KONKRET« berichteten, haben sich Anfang des Jahres das KJFE Spielhaus Bölschestraße (tjfbg gGmbh), das Kinderhaus an der evangelischen Grundschule Friedrichshagen und die Seniorenresidenz Bölschestraße (ProCurand) unter der Projektleitung des KINDERRING BERLIN e.V. zusammengeschlossen, um das – von Aktion Mensch geförderte – Projekt »Jung fragt Alt im Kiez: Leben im 20. Jahrhundert« durchzuführen. Ziel war, Friedrichshagener Grundschulkindern der 4./5. Klasse die Möglichkeit zu geben, hochbetagte Senior(inn)en aus der fußläufigen Nachbarschaft nach Lebens- und Zeitgeschichte zu befragen: »Wie war das früher (hier)? Wie war das früher, als du so alt warst wie ich jetzt?«

Kinderland und Rentnerland

So weit so gut. So leicht gesagt wie schwer getan. Zwei Welten, wie sie unterschiedlicher nicht sein können, treffen aufeinander: »Rentnerland« und »Kinderland«, so taufen die Friedrichshagener Kinder diese Welten. Die eine ruhig, langsam, geschützt und geregelt, die andere lärmig, schnell, spontan und agil. Und gleichzeitig ganz, ganz viel Interesse an- und Lust aufeinander.

Jung fragt Alt: ein langsames Projekt

Damit Begegnung stattfinden kann, muss das Projekt Raum nehmen im ausgefüllten Kinder- wie im fest strukturierten Seniorenalltag. Schnittmengen wollen gefunden werden. Es gilt, einen ruhigen und konzentrierten Rahmen zu schaffen. Dafür braucht es Liebe und Zeit, Zeit und Liebe. Wir nehmen uns ein Jahr Zeit, etablieren ein Team aus Hauptamtlichen der beteiligten Kinder- wie Senioreneinrichtungen und lassen wachsen – von Vorbereitung, erstem Kennenlernen, »Warming Up«-Treffen bis zu den eigentlichen Interviews, die im Mai beginnen.

Die Interviews

Kevin und Shawn fragen Herrn NeudeckBei den Interviews, die in den Zimmern der Senior(inn)en stattfinden und von uns, den erwachsenen Rückenstärker(inne)n, begleitet werden, zieht Ruhe und Konzentration ein. Hier trifft Interesse, Neugier und Empathie auf Lust und Bereitschaft, aus dem eigenen Leben zu erzählen, Schönes wie Schmerzliches. Auch Tränen fließen, das beeindruckt die Kinder: »Sie hat zwei Mal geweint«. Die 25 Friedrichshagener Kinder sind fasziniert von den Alten, von ihrer Milde und Weisheit. »Ein alter Mensch bringt dem Jungen etwas völlig Neues in sein Leben, ein junger Mensch bringt dem Alten wieder neues Leben.« (Sonja Ehret: Echo der Generationen, 2016, 205) Die Fragen reichen von »Wann ist deine Großmutter geboren?« über »Habt ihr zu Weihnachten auch so viel bekommen?« bis »Kanntest du jemanden, der über die Mauer geflüchtet ist?« Von »Hat euch Mathe auch genervt?« über »Wie waren die Lehrer?« bis »Fanden sie das gut, dass die Mauer aufgestellt wurde?« Von »Hattest du Tiere?« über »Fanden Sie das Leben früher schön?« bis »Wie war der Weltkrieg für dich?« Lebensbiografische Themen neben zeitgeschichtlichen, gleichgewichtet Kinderfoto von Frau Gutberletund unvoreingenommen. Auch die Zimmer der Senior(inn)en erzählen Geschichte: Fotos, Erinnerungsstücke. Die Kinder lassen sich zeigen und lassen sich erzählen. Und sie hören geduldig zu: »Jung hört Alt zu«. Wenn zum Beispiel der einzige Mann im Projekt von seinem Freund erzählt, dem russischen Offizier, der zum Kriegsende bei den Großeltern einquartiert wird, dem 11jährigen das Autofahren beibringt und zum Freund wird. Geschichten, die das Leben schreibt und die in keinem Geschichtsbuch stehen. Voller Lebendigkeit erzählen die Alten von ihren Kindheits- und Lebenserinnerungen und wundern sich manchmal selber, wie präsent das alles noch ist – »als wäre es gestern gewesen«. Selbst wenn das Gedächtnis im hohen Alter nachlässt, an Kindheit und Vergangenheit erinnern sie sich alle. Die Kinder sind mit ihrem ganzen Wesen dabei. Später, als sie erzählen und auf Wimmelbildern verewigen, was sie erlebt haben, beschreiben sie, was sie beeindruckt hat und was sie gefühlt haben. »Ich war traurig, weil sie erzählt hat, dass ihr Mann gestorben ist«. »Ich sehe dich« scheint die Zauberformel des Projekts: die Kinder die Alten, die Alten die Kinder.

       Ein Wimmelbild entsteht                       Wimmelbild

In jedem Interview gibt es Momente, in denen es ganz dicht und durchlässig wird. Die Kinder spüren die Ehrlichkeit der Alten, auch wenn diese von den Verlusten und Mühen des hohen Alters sprechen. Und plötzlich sind die Alten selber wieder 10 Jahre, erzählen von ihrer Liebe zu Tieren, vom Schwein, das geliebt und dann schrecklicherweise geschlachtet wurde, von aufgeschürften Kinderknien. Und zitieren Kinderreime: »Heute ist das Wetter schön, heute kann’s nicht schaden, schnell hinunter an den See, heute gehen wir baden …« Wir, die erwachsenen Begleiter/innen, sind die, die am meisten staunen. So viel Enthusiasmus bei den Kindern hätten wir nicht erwartet. »Das Projekt soll nie zu Ende gehen!«.

Alt besucht Jung

Spielen mit Frau SchalkowskiIm Herbst laden die Kinder die Alten ins »Kinderland« ein, ins Spielhaus und ins Kinderhaus an der Evangelischen Grundschule. Die Alten freuen sich über die Lebendigkeit der Kinder und die Erinnerungsreise in die eigene Kindheit. Die Kinder backen Kuchen und wollen die Alten verwöhnen. Beim Spielen und Malen treffen sich die Kinder von heute und die Kinder von damals. Wir schauen berührt zu und lassen geschehen - denn darum geht es im Projekt: geschehen zu lassen, was schon immer fruchtbar war: die Beziehung zwischen Urgroßeltern und Urenkeln.