September 2016

2016 beginnt und JfA20.1 schippert weiter

Die nächste Projektphase, zwischen Neujahr und den Winterferien Anfang Februar, dient der weiteren Vorbereitung auf die Befragungen, der Gruppenbildung bei den Kindern, der Festigung der Teamarbeit. Wir wollen Lust und Neugier auf allen Seiten wecken und weiter stärken.

»Jung fragt Alt« als fester Termin in der Woche der Kinder

Schnell zeigt sich, wie schwer es – bei allem guten Willen – ist, in der offenen Arbeit der Ganztagsbetreuungen einen festen Wochentermin für »Jung fragt Alt« anzusetzen. »Mich sehen Sie hier nicht wieder«, verkündet ein Junge nach seinem ersten Interviewtermin, »Schwimmen geht vor«. Wir ahnen - er zitiert seine Eltern. Denn er ist sichtlich traurig darüber. Die Freizeit der Kinder nach der Schule ist voller Termine: von Physiotherapie und Förderstunde bis Musikunterricht, Sport und Tanz. Und sie sind müde vom Tagwerk in der Schule und eigentlich sollte Freizeit doch Freizeit sein. Dennoch schafft es »Jung fragt Alt«, sich als fester Wochentermin zu etablieren: In der Ganztagsbetreuung der Fläming-Grundschule am Mittwoch, in der Ganztagsbetreuung der Sachsenwaldgrundschule am Donnerstag. Bei allen Ausnahmen, die die Regel bestätigen.

Kommunikation im Team: die Institutionenbrücke als Herausforderung

Die größte Herausforderung im Projekt ist nicht die Brücke zwischen den Generationen, sondern die zwischen den Institutionen. Die Koordinierung von drei Institutionen (Domicil Seniorenpflegeheim Feuerbachstraße, Sachsenwald und Fläming Ganztagsbetreuung) stellt die Projektleitung vor das spannende Problem, die Abläufe und Funktionsweisen dieser drei jeweils in sich geschlossenen Welten zu verstehen und dort, wo möglich, Fuß zu fassen. »Es ist, als müsste ich immer ein fahrendes Schiff anhalten«, meint der Erzieher Stefan Weidler, wenn die Projektleiterin Mirjam Karnetzki mit immer neuen Ideen aufwartet: Besuch der Senior(inn)en im Hort, Schulbefreiung für den Kreativtag… Und immer wieder die Erfahrung, dass alle »am Limit« sind, alle Akteure haben auch ohne Projekt mehr als genug zu tun. So muss das Ergotherapie-Betreuungsteam um Sören Bothe und Stefanie Regel immer wieder neben ihrem Alltagsprogramm »Jung fragt Alt«-Termine möglich machen: Der Besuch der Senior(inn)en bei den Kindern im Hort fällt zum Beispiel in die Zeit der - alleine bereits auslastenden - Organisation der Spargelfahrten. Aber dank der Flexibilität und Tatkraft des Teams wird auch das noch »gewuppt«. Als sinnvoll erweist sich, dass beide Erzieher/innen jeweils eine zweite Person ins Boot holen, als Vertretung und pädagogische Unterstützung in ihrer Einrichtung: Carolin Pylla in der Sachsenwald, Feride Sello bei der Fläming. Ausgesprochen hilfreich sind auch die wöchentlichen Arbeitstreffen der beiden Erzieher/innen Birgit Kirschnick und Stefan Weidler mit der Projektleiterin Mirjam Karnetzki im Nachbarschaftshaus Schöneberg (Nachbarschaftsheim Schöneberg e.V. NBHS). Ab und zu ist auch Andrea Seltenheim dabei, sie ist Koordinatorin der Grundschulganztagsbetreuungen im NBHS und eine begeisterte Unterstützerin des Projekts.

Wege entstehen beim Gehen

Die große Kunst der Projektarbeit ist das tägliche Jonglieren zwischen Planung und Realitätsanpassung. Die konkrete Arbeit muss regelmäßig mit den Projektzielen abgeglichen, der Fahrplan an die Gegebenheiten und Möglichkeiten angepasst werden. Vieles zeigt sich erst beim Machen.

Film-Workshop für die Kinder

Im Januar findet für beide Kindergruppen ein Filmworkshop statt, in dem die Filmpädagogin und Regisseurin Michalina Mrožek die Kinder auf spielerische Weise an das Interviewen und Filmen heranführt. Die Welt des Films übt einen großen Reiz auf die Kinder aus und die Aussicht, selber an einem Film mitzuwirken, lockt und begeistert sie. Das Simulieren der Interviewsituation hilft, sich in die neue Rolle einzufühlen. Das ist spannend, aufregend, lehrreich und macht allen viel Spaß.

Interview-Workshop

Ebenfalls im Januar bieten Mirjam Karnetzki und Janna Reichhelm für beide Gruppen einen Interview-Workshop an, der die Kinder an die Befragungen heranführt. »Hilf mir, es selber zu machen« heißt das Motto, denn es ist uns wichtig, dass Kinder fragen, was sie interessiert. Wir sind nicht Schule mit festen Lernvorgaben, sondern ein Freizeitprojekt, bei dem sich Kinder freiwillig und selbstständig Geschichte erfragen. Aber was interessiert Kinder des 21. Jahrhunderts um die 10, wenn es um »Früher« geht? Das gilt es hervorzulocken. So werden im Workshop Themen gesammelt und erste Fragen formuliert. Eine mentale Zeitreise hilft, sich in frühere Zeiten zu versetzen. Dabei zeigt sich, dass die Kinder kaum Orientierung in diesem Früher haben: Die Zeitreise geht ins Jahr 1930 und die Kinder erblicken dort Märchenfiguren, Kutschen und Hitler - eine wilde Mischung!

Das Journalistenhandbuch

Jedes Kind erhielt beim Workshop ein DIN A5 Ringbuch mit Register: das Journalistenhandbuch. Hier hinein konnten und sollten – selbstorganisiert – Gesprächspartner/innen, Themen, Fragen, Antworten notiert werden. Das farbige Buch, das die Kinder unaufgefordert schmückten und verzierten, erfüllte mehrerlei Funktionen: Es machte die Kinder zu Journalist(inn)en und half, Arbeit und Aufzeichnungen selbstständig zu sortieren. Und außerdem konnte man sich während der Interviews wunderbar daran festhalten!

                       Die Journalistenhandbücher der Kinder - zum Vergrößern auf die Bilder klicken.

  • JfA20.1 2016 Journalistenhandbuch-1 Philippa
  • JfA20.1 2016 Journalistenhandbuch-2 Alma
  • JfA20.1 2016 Journalistenhandbuch-3 Cholena

Das große Beschnuppern im Domicil: Kinder und Senior(inn)en treffen das erste Mal aufeinander

Dann ist es soweit: Am 28. Januar 2016 treffen sich alle zum ersten Mal, feierlich im Festsaal des Domicil Seniorenpflegeheims Feuerbachstraße von 15.00 bis 16.00 Uhr. Das ist so aufregend wie berührend - für alle: Leitung, Team, Kinder und Alte. Zum Einstieg eine kleine Rede, ein Lied zur Gitarre, die Vorstellung des Teams und der Kinder. Und dann wird es ernst: Die Kinder befragen die Senior(inn)en das erste Mal. In ihre Journalistenhandbücher notieren sie Name, Geburtsort und -datum. »Wann sind Sie geboren?« »1918? Dann sind sie ja…. !« Der Saal ist aufgeladen von all der Erstbegegnung. Zur Nervenstärkung gibt‘s Saft und Kaffee, Eis und Kuchen…

  • JfA20.1 2016 Journalistenhandbuch Jakob

Vorgespräche mit den Zeitzeug(inn)en

Im Vorlauf der Interviews führen Mirjam Karnetzki und die Bundesfreiwillige Janna Reichhelm Vorgespräche mit den 15 Bewohner(inne)n, die beim Kennenlern-Treffen Interesse bekundet hatten. Es war uns wichtig das Vertrauen der Senior(inn)en zu gewinnen und ein Gefühl für sie und ihre Geschichte zu entwickeln; das sollte uns helfen, die Kinder den passenden Zeitzeugen zuzuteilen. Nicht alle Menschen haben einen Draht zu Kindern und ein Gespür dafür, was ihnen zuzumuten ist.

… und dann, endlich:

Die Interviews

Zwischen Winter- und Osterferien (Februar/März) finden die Interviews statt. Lange wird im Team überlegt, wie diese am besten zu gestalten seien. Klar war lediglich: Die Kinder kommen zu den Senior(inn)en ins Domicil. Und die Kinder haben wenig, die Alten viel Zeit. Schließlich wird alles genau eingetaktet: Die Kinder kommen um drei und gehen um vier, die Flämings am Mittwoch, die Sachsenwäldler/innen am Donnerstag. In dieser kostbaren Stunde erfolgt zuerst die Einteilung: Wer geht mit wem zu wem? Wo filmt die Kamera? Wo schneidet das Radio mit? Dann 30 Minuten Interview. Und zum Schluss Brause und Kekse zum Runterkommen für die Kinder. Dann sind sie schon wieder weg, die Kinder von heute - auf viele wartet der nächste Nachmittagsprogrammpunkt.

Sudenaz und Frau VollbrechtDas war stressig und nicht ideal. »Jung fragt Alt« will entschleunigen und sich Zeit lassen. Wo ist das heute noch möglich, wenn nicht in einem Seniorenpflegeheim? Aber die Kinder nehmen ihre Aufgabe trotz Mehrfachbelastung, Müdigkeit und Aufregung sehr ernst. Und wenn sie endlich ihren Gesprächspartner(inne)n in deren Zimmern gegenüber sitzen, dann wird es spannend, für alle Beteiligten: Die Kinder, die Zeitzeug(inn)en und das Team, die wir jeweils dabeisitzen und versuchen, uns unsichtbar zu machen. Das ist eine der überraschenden Erfahrungen für uns Erwachsene: Wie schwer es ist, bei den Interviews »die Klappe zu halten«. Wir wollen erklären, nachhaken und, dass die Kinder fragen, was wir fragen würden. Aber darum geht es ja nicht. Die Kinder fragen anders. Sie fragen nach Krieg und Haustieren, nach Hitler und öffentlicher Sauberkeit, nach strengen Eltern und Lehrer(inne)n, nach Schule, Schulweg, Spielen, Freizeit, Technik, nach allem, was in ihrem Leben vorkommt, wovon sie gehört und eine Vorstellung haben. Alles durcheinander.

Die einen fragen viel, die anderen sind vorsichtig und bedächtig, die einen fragen nach, die anderen nicht. »Alle haben leuchtende Augen, wenn sie aus den Zimmern kommen«, sagt Stefan Weidler, der Erzieher der Flämings.

Jakob, Cholena und Frau RomeikeJedes Interview wird mitgeschnitten, ein Teil gefilmt.

KakaduAuch das Radio kommt: Das Radioteam »Klangmixtur« macht Aufnahmen für eine Folge der Kindersendung »Kakadu« am 4. November 2016 im »Deutschlandradio Kultur«, die hier zu hören ist.

All dies trägt zur allgemeinen Aufregung bei. Aber auch zur Ernsthaftigkeit der Interviews. Und das bekommt ihnen gut. Dennoch ist zu fragen, ob die Kinder nicht auch überfordert werden und wo der schmale Grat zwischen produktiver Aufregung und Überforderung ist. Dies gilt es im Blick zu behalten und den Kindern – so gut es geht - Angst und Leistungsdruck zu nehmen.

Interview-Mosaiksteine

Das schwarze TelefonDas schwarze Telefon

»Cool« finden Niko, Carla und Catalina das schwarze Telefon, das bei den Schuberts im Zimmer steht, so ein richtig altes, mit Wählscheibe! Und das Beste: es funktioniert, man kann seine Mutter zu Hause anrufen – Wählen für Anfänger/innen.

 

Altdeutsche Schrift

Ihr schreibt doch lateinisch, behaupten die Alten, und die Jungen wundern sich: Lateinisch? Nein, natürlich deutsch! Missverständnisse, überall. Dass die Kinder vor 70, 80, 90 Jahren in der Schule die (alt)deutsche Schrift lernten, Sütterlin, woher soll ein Kind des 21. Jahrhunderts das wissen? Aber spannend finden die Kinder von heute diese alte Schrift, die ähnlich, aber doch anders ist, und die Kinder von damals, die Senioren von heute, sind in ihrem Element: zeigen und erklären, geben mit – eine aussterbende Schrift, wer sie lernt, kann (Ur)Altes lesen.

Der 100jährige Stadtplan

»Was für Bücher gab es früher, habt ihr sie gekauft oder geliehen?«, will Jakob wissen. »Gab es auch schon Stadtpläne?« Was er nicht wissen kann: Frau Freiberg hat einen im Schrank liegen, einen ganz, ganz alten, von ihrem Vater, der war Straßenbahnschaffner und fuhr mit der Straßenbahn durch Steglitz.

Das Fotoalbum Frau Blößer zeigt ihr Fotoalbum

Alma kommt zweimal zu Frau Blößer, beim zweiten Mal bringt sie ihre Freundin Cholena mit, denn Frau Blößer hat versprochen, Fotos zu zeigen. Familien- und Urlaubsfotos, alles liebevoll und sorgfältig im Fotoalbum dokumentiert und beschriftet. 90 Jahre liegen zwischen den beiden Mädchen und Frau Blößer, sie ist 102. Und doch sind sie sich ganz nah an diesem Nachmittag, an dem die beiden Mädchen ehrfürchtig Seite um Seite umblättern und die altdeutsche Schrift entziffern: »Bist du das?«

Die Befragten, die Kriegskinder

Keiner weiß, was die Kinder fragen werden, und so ist jedes Interview eine spannende Premiere. Die Zeitzeug(inn)en sind freudig überrascht von so viel Interesse an Geschichte und ihrer Geschichte. »Haben Sie Hitler gesehen?« »Hat Hitler jemanden aus Ihrer Familie umgebracht?« »Hattest du Angst im Luftschutzkeller?« »Hast du geweint?«. Die Senior(inn)en versuchen in der Regel, ihre Antworten kindgerecht zu gestalten, alle zeigen einen Instinkt dafür, was Kinder verkraften können. »Man darf Ihnen nicht die ganze grausame Wahrheit sagen«, sagt Herr Daniel, der schwer an seinen Kriegserinnerungen trägt. Die Befragten sind alle Kriegskinder: Als sie so alt waren wie ihre jungen Frager/innen, herrschte Krieg. Davon wissen sie viel zu erzählen. »Was war das Schlimmste, was du erlebt hast«, fragt Cholena Frau Klement und die antwortet »Gut, dass du fragst, das will nämlich keiner mehr wissen: Im April 1945, in der Potsdamer Bombennacht, da habe ich als Jugendliche im Keller eines Krankenhauses gesessen, das bombardiert wurde, obwohl die Fahne hing, die zeigte: hier trifft es hilflose Opfer. Das war das Schlimmste - so viel Angst, so viel Leid, das kann ich nicht vergessen.«

Eine einzige Zeitzeugin steigt nach dem ersten Interview aus dem Projekt aus. Wir ahnen: Sie ist traumatisiert und hat Angst. Unsere Vermutung ist, dass sich nur die Senior(inn)en als Gesprächspartner/innen für die Kinder eignen, die ihre Geschichte verarbeiten konnten und mit Distanz darauf blicken. Aber was ist mit den anderen, die erzählen wollen, um zu verarbeiten? Wie schön wäre es, wenn im Windschatten unseres Projekts interessierte Menschen, Jugendliche, Erwachsene, die befragen, die erzählen wollen!

Jetzt habe ich so viel erzählt...

Die Senior(inn)en haben so viel erlebt und zu erzählen, da fällt es schwer auszuwählen und nicht vom Hölzchen zum Stöckchen zu kommen. Meist merken die Senior(inn)en es selber: »Jetzt habe ich so viel erzählt….«. Was tun, damit es nicht zu viel wird für die Kinder, der Erzählfluss andererseits nicht unnötig und unhöflich unterbrochen? Wir denken darüber nach.

Nachgespräche mit den Zeitzeuginnen

Janna Reichhelm führt im Nachklang der Interviews Gespräche mit den Senior(inn)en. Die Rückmeldungen sind durchweg positiv, alle Zeitzeug(inn)en würden wieder mitmachen.

Außentermine

Im Frühling wächst die Lust, die Interviews nach draußen zu verlegen - passend zur Projektidee, dass (Kiez-)Geschichte und Lebensgeschichten an authentischen Orten am besten erzählt und lebendig werden. So entdecken eine Zeitzeugin, Frau Romeike, und ein Kind, Philippa, dass sie ihre Kindheit in derselben Straße, der Holsteinischen Straße gleich um die Ecke, verbracht haben. Die Kamera begleitet die beiden, die an Ort und Stelle ihre Erinnerungen austauschen. »Kann man sich gar nicht vorstellen, wie das hier alles früher aussah«, meint Philippa, nachdem Frau Romeike ihr erzählt, wie viel der Krieg zerstört hat - auch das eigene Elternhaus.

Frau Schülke zeigt ihre SchuleDie 90-jährige Frau Schülke zeigt Jakob und Catalina ihre Grundschule, die Eigenherd-Europa-Schule in Klein-Machnow. »Hat sich hier viel verändert?« fragt Jakob, als wir durch das Neubauviertel fahren, durch das Frau Schülkes Schulweg führte. »Ganz viel, ich erkenne hier kaum etwas wieder« antwortet Frau Schülke. In der Schule dann: »Die sieht ja noch genauso aus wie früher, ich erkenne alles wieder.« Nur freundlicher ist es geworden - mehr Bilder, sogar Blumen. Die Birken aber, die standen schon damals.

Keiner ahnt indes, wie viel logistische Vorbereitung diese Termine verlangen, besonders, wenn die Kamera dabei ist: ein gemeinsamer Termin muss gefunden, die Senior(inn)en begleitet bzw. gefahren werden. Die Kinder brauchen die Genehmigung der Eltern, ein/e Erzieher/in muss immer dabei sein. Aber es lohnt sich: Was in dieser Stunde passiert, prägt sich tief ins Gedächtnis der Beteiligten und bleibt als berührende Szene im Film festgehalten.

Osterferien und Ausatmen

Mit den Osterferien sind die Interviews vorbei und alle dürfen ausatmen. Das tut gut.

Schwierig indes, den Karren nach den Osterferien wieder anzuschieben: Nachbereiten und auswerten sind weniger aufregend und spannend als Filmen und Interviewen. Dennoch bleiben wir hartnäckig dran, befragen die Kinder, was hängen geblieben ist, lassen sie malen und erzählen und schauen, was im Nachklang hochkommt. Es bleibt schwierig, im Nachmittagsprogramm der Kinder die Ruhe und Konzentration dafür zu finden.

Auf die Osterpause folgt die Phase, die wir im Projektplan als Auswertung und Verstetigung bezeichnet haben (s. Zeitstrahl vom Dezember 2015)

Erste Auswertung und (spätes) Bergfest für das Team

Am 10. Mai findet die Auswertung des ersten Projektteils statt. Im Anschluss feiert das Team sich und die erste Hälfte des Projekts mit einem leckeren Mahl, Kaffee und Kuchen im Kiez-Cafe.

Es tut dem Team gut, sich in Ruhe auszutauschen und dabei vom Leiter der Grundschulpädagogik - Sachunterricht an der Humboldt Universität zu Berlin, Professor Dr. Detlef Pech, angeleitet und begleitet zu werden. Wichtigste Feststellung und Erkenntnis: Vieles bei den Interviews war überraschend und ganz anders als erwartet.

Wir stellen fest:

Es geht den Kindern in der Regel nicht um Chronologie und Daten, sondern um den Vergleich bzw. die Andersartigkeit. »Früher« - das ist eine jungfräuliche Weite. Ein Kind verwechselt das Datum von Mozarts Todesjahr 1791 mit dem des Mauerfalls 1989 – ein großes Aha-Erlebnis für uns Begleiter/innen. Die Kinder ahnen, dass vieles früher (ganz) anders war, sie setzen bei ihrer Welt und ihren Erfahrungen an und fragen: Gab es früher auch Mathe, Musikinstrumente, Fernseher? Hattest du Haustiere? Wie sahen die Straßen aus?

Von Krieg, Hitler und der Mauer haben sie gehört, da wollen sie mehr erfahren. Dass Hitler der Böse des 20. Jahrhunderts ist, wissen sie.

Es ist viel Gefühl und Mitgefühl im Spiel - »Hattest du Angst?« »Hast du geweint?«. So darf das Kind im Alten sich zeigen.

Alltagsthemen und Zeitgeschichte, alles kommt vor, und das Beste: alles ist gleich wichtig.

Alle Kinder hören aufmerksam zu. Wenige fragen nach. Was hinter ihrer Stirn passiert, erahnen wir nicht. Später, wenn sie erzählen, sind wir überrascht, wie viel hängen bleibt. Wie alle Menschen, ob groß oder klein, hören und verarbeiten sie das, was sie aufnehmen und verarbeiten können, was sie in Beziehung setzen, wo sie »andocken« können.

Die alten Menschen zeigen ein Gespür für die Kinder und das, was diese verarbeiten können, sie erzählen Verdaubares - von all dem Schrecklichen, das viele von ihnen erlebt haben.

Die Kinder setzen erste Anker in das »große Früher« - lebendige, gefühlte Anker. Sie entwickeln eine Beziehung zur Vergangenheit ihrer Lebenswelt. So kann sich ein Geschichtsbild entwickeln, das bunt und lebendig und voller Beziehungen ist.

Die »Rubikon«-Kinder als geborene Geschichts- und Biografie-Forscher/innen

Laut Projektidee gingen wir davon aus, dass Kinder im Alter um die 10 Jahre besonders geeignet für »Jung fragt Alt« sind: Entwicklungspsychologisch zwischen Kindheit und Pubertät, verlassen sie langsam die »heile Welt« der Identifizierung mit den Eltern, erleben sich mehr und mehr als Individuen und suchen nach Orientierung in der Welt. Die Waldorf-Pädagogik bezeichnet diese Phase als »Rubikon« (unwiderruflicher Übertritt in neues Terrain). Das prädestiniert sie zu Fragern und Fragerinnen, die sich zu den Befragten und dem, was sie erzählen, in Beziehung setzen. Ihr Geist verlässt die Zeitlosigkeit der Kinder- und Märchenwelt und sucht nach Ankern im »Früher«. Mit den konkreten, sinnlich und emotional nachvollziehbaren Geschichten bietet »Jung fragt Alt« den Kindern den lebendigen Zugang zur Geschichte, den die Grundschulpädagogik immer wieder anmahnt.

Ania und Frau VollbrechtAlt besucht Jung

Richtig spannend für die Kinder wird es wieder, als wir den Besuch der Senior(inn)en bei den Kindern Ende Mai/ Anfang Juni vorbereiten: »Alt besucht Jung«.

Mit Begeisterung schreiben und basteln sie Einladungen. Es macht ihnen Spaß, mit uns zusammen den Besuch zu planen – für alle das erste Mal. Was ist zu bedenken? Auch hier wieder viel logistische Mühen und Planung auf beiden Seiten. Denn wer denkt z.B. schon daran, dass es in einer Inklusions-Einrichtung wie dem Fläming Hort zwar Fahrstühle gibt, die aber gegen 15.00 Uhr komplett ausgelastet sind? All dies braucht Zeit, Kommunikation und macht Arbeit - der Teufel liegt im Detail. Aber hinterher ist die Anstrengung schnell vergessen. Besonders, da die Treffen so gelingen, dass alle ganz andächtig werden, wenn sie daran denken. Immer wieder zeigt sich: Die »Rubikon«-Kinder und die Urgroßeltern-Generation – das funktioniert. »Ich möchte auch noch einmal in die Schule gehen«, sagt Frau Romeike. »Es ist alles so viel lockerer geworden«. »Ich könnte hier stundenlang sitzen und die Kinder beobachten«, schwärmt die fast 100-jährige Frau Böck. Das alles ist sehr berührend. Und dass der Projektleiterin am Ende ein paar Tränen der Rührung kommen, als Felicia und Philippa dem Kleinbus mit den Gästen winkend hinterher rennen, sei ihr nachgesehen.

Elternbrief im Mai

Mit der Hoffnung, die Arbeit von »Jung fragt Alt« möge auch zu Hause bei den Kindern Raum greifen, schreiben wir im Mai einen Elternbrief, in dem wir Eltern und Angehörige auch bereits zu unserem Festakt am 8. Juli einladen. Wir bitten um Rückmeldung, weil wir gerne wüssten, ob etwas bei den Eltern ankommt und wie sie darüber denken. Wir erhalten lediglich zwei Rückmeldungen und begreifen: Eltern von heute bekommen unzählige Elternbriefe und Rundmails, häufig sind sie mehr als ausgelastet, viele haben einen anderen kulturellen Hintergrund, einige sprechen wenig Deutsch. Dennoch bleibt die Idee, interessierte Eltern ins Boot zu holen und Eltern auf das aufmerksam zu machen, womit sich ihre Kinder beschäftigen.

Nebenprojekt »Schule früher«: Projekttage an der Sachsenwaldgrundschule

Inspiriert von »Jung fragt Alt« beschließt Birgit Kirschnick anlässlich des 60. Jubiläums der Sachsenwaldgrundschule, Projekttage zum Thema »Schule früher« anzubieten: Mittels Videos und eines Workshops zur (alt)deutschen Schrift im Märkischen Museum (Berliner Stadtgeschichte) nähern sich die 5.- und 6.-Klässler/innen dem Thema. Dann, am 3. Tag, befragen sie Senior(inn)en aus dem Domicil zu deren Schulerfahrungen. Wieder denken wir: Es liegt so nahe, diejenigen zu befragen, die es persönlich erlebt haben – man muss es nur tun (bzw. organisiert bekommen).

Der Countdown läuft: Festakt am 8. Juli

Ab Juni läuft alles auf den großen Projektabschluss am 8. Juli zu.

Bis dahin müssen Film und Ausstellung fertig und aus den Audio-Mitschnitten eine Best-of-CD gebrannt sein. All das ist viiiiiiiiel Arbeit für alle. Michalina Mrožek schneidet hochschwanger den Film und stellt ihn einen Tag vor Geburt ihres Sohnes fertig. Janna Reichhelm entwirft Einladung und Urkunden, kümmert sich um deren Druck, schneidet die Best-of-CD. Die Senior(inn)en stiften Ausstellungsgegenstände, die eine Verbindung zu den Interviews haben: Fotos, Poesiealben, ein altes Telefon, ein alter Verkehrsplan etc.

Überall laufen die Vorbereitungen auf Hochtouren: Das Domicil Seniorenpflegeheim Feuerbachstraße kümmert sich um die gesamte Ausrichtung des Festakts, kauft extra für die Ausstellung kleine Beistell-Tischchen.

Mirjam Karnetzki denkt und plant, plant und denkt, hält die Fäden zusammen und holt sich Beratung ins Boot: Den Historiker Karl-Heinz Steinle für Ausstellung und Abschlussveranstaltung, die Kreativ-Pädagogin Susanne Dämmrich für Planung und Aufbau der Ausstellung. Wie immer braucht es viele Hände und viele Köpfe, damit es gut werden kann.

»Jung fragt Alt« Kreativtag

Zu den Ausstellungsgegenständen der Zeitzeug(inn)en sollen die Kinder Beschreibungen fertigen. Auch hier kämpfen wir mit mangelnder Zeit und flüchtiger Konzentration der Kinder: Die eine Stunde am Nachmittag reicht nicht - so kann keine kreative Konzentration entstehen. Wir helfen uns mit der Idee eines »Kreativtages«: Dank der engagierten Erzieher/innen Stefan Weidler und Birgit Kirschnick gelingt es, die Kinder an einem Tag von der Schule zu befreien. Da entstehen die Beschreibungen zu den Ausstellungsgegenständen. Selbstständig schreiben und gestalten die Kinder: Hilf mir, es selber zu machen… Gemeinsam mit den Erzieher(inne)n werden große Collagen gebastelt, alle helfen mit.

Krönender Abschluss am 8. Juli

Endlich ist es soweit! Am Freitag, 8. Juli, eröffnet einer der Zeitzeugen, Herr Sobieski, mit seinem Parforce-Horn den großen Tag.

Herr Sobieski bläst das Parforce-Horn für Akrim und Sophia

Tatsächlich waren alle gekommen, um zu feiern: Kinder und Senior(inn)en, das Team, die Begleiter/innen, Unterstützer/innen, Eltern, Verwandte, Freunde und Freundinnen.

Das Ganze eine große Inszenierung zum Ehren und Würdigen und fürs Langzeitgedächtnis.

Begrüßt und bewirtet werden die Gäste mit Sekt, Waffeln, Zuckerwatte und Kanapees. Im Foyer des Domicil Seniorenpflegeheims Feuerbachstraße stellt das Projekt sich vor: Ausstellung, »Jung fragt Alt«-Collagen, Hörstation mit Interview-Ausschnitten.

                         Die Ausstellungsstücke - zum Vergrößern auf die Bilder klicken.

  • JfA20.1 2016 Ausstellung01 Aktion Mensch
  • JfA20.1 2016 Ausstellung02 Berliner Mauer Sudenaz
  • JfA20.1 2016 Ausstellung03 BVG Plan
  • JfA20.1 2016 Ausstellung04 BVG Plan 1938 Elias
  • JfA20.1 2016 Ausstellung05 Das Haus am See Frau Bloesser Ania
  • JfA20.1 2016 Ausstellung06 Frau Bloessers Elternhaus im Spreewald
  • JfA20.1 2016 Ausstellung07 Frau Bloessers Elternhaus im Spreewald Alma
  • JfA20.1 2016 Ausstellung08 Frau Bloessers Elternhaus im Spreewald Cholena
  • JfA20.1 2016 Ausstellung09 Poesiealbum Frau Lehmann-Valentin
  • JfA20.1 2016 Ausstellung10 Poesiealbum Frau Lehmann-Valentin Jakob
  • JfA20.1 2016 Ausstellung11 Portraet Frau Schuelke als Kind Carla
  • JfA20.1 2016 Ausstellung12 Klassenfoto Frau Lehmann-Valentin
  • JfA20.1 2016 Ausstellung13 Klassenfoto Frau Lehmann-Valentin Catalina
  • JfA20.1 2016 Ausstellung14 Das schwarze Telefon Frau Schubert Carla
  • JfA20.1 2016 Ausstellung15 Frau Romeike mit 10 auf dem Dach von Wertheim
  • JfA20.1 2016 Ausstellung16 Frau Romeike mit 10 Wertheim Philippa

 

Und dann der Höhepunkt: Die Welturaufführung des Projektfilms - was für eine Stimmung im Festsaal! Lachen, Weinen, Stolz: DAS haben WIR gemeinsam geschaffen!

 

 

Und sogar der fünf Wochen alte Sohn der Filmemacherin ist dabei. Vom Bezirksamt Steglitz Zehlendorf kommt als weiterer Höhepunkt die Europa-Beauftragte des Bezirks, Christina Wegner, und verleiht allen, die mitgemacht haben, zur Anerkennung für Mut, Neugier und Empathie eine »Jung fragt Alt«-Urkunde und lädt die Kinder zu einer Kindertour durch die Berliner Unterwelten, die Kriegsbunker, ein. Gedankt wird viel und allen. Als Rausschmeißer singen die Kinder lauthals »Die Affen rasen durch den Wald« und wir dürfen ihre Lebendigkeit noch einmal genießen.

Sternstunden

Nicht alles im Projekt läuft rund, unser Maskottchen »Problemi« hat immer wieder zu tun. Das gehört dazu, wenn man etwas Neues wagt. Belohnung dafür sind die Sternstunden, von denen gibt es viele:

  • Beim Kreativtag entdeckt Jakob für sich die Sütterlinschrift und lernt sie binnen weniger Stunden.
  • Ania stellt fest, dass man Frau Vollbrecht Löcher in den Bauch fragen kann und führt die Befragung nach dem mündlichen Interview per Brief fort.
  • Philippa und Frau Romeike machen nach Projektende weiter: Philippa besucht Frau Romeike auf eigene Faust und zwischen den beiden entwickelt sich ein reger Mail-Kontakt.

Philippa und Frau Romeike

Und wie geht’s weiter?

Die Sommerferien sind für alle eine willkommene Pause nach den heißen Wochen vor dem Projektabschluss. Die Frage, ob und wie es für die beteiligten Kinder, Senior(inn)en bzw. die Institutionen weitergeht, was vom Projekt bleibt - das alles sind Fragen für den Herbst.

Am Samstag, 17. September, stellt sich JfA20.1 beim Kiez-Straßenfest am Lauenburger Platz mit Stand und Film vor.

Am Dienstag, 11. Oktober, findet die große Auswertung »Was bleibt« für die beteiligten Institutionen statt. Bis dahin wollen wir den Kindern, die Feuer gefangen haben, den Rücken stärken, selbstständig den Kontakt zu den Senior(inn)en zu halten und auszubauen - sie zu besuchen, ihnen zu schreiben oder zu mailen.

Und JfA20 wendet sich dem 2. Durchgang, also JfA20.2 zu, das zum Kalenderjahr 2017 startet.

Veröffentlichungen

»Jung fragt Alt« will und soll Schule machen und wachsen. Dafür braucht es Öffentlichkeit. Wir freuen uns, dass inzwischen vier Artikel über unser Projekt in der lokalen Presse erschienen sind:

Zukunftsmusik: Archiv und Lernmaterialien für die Grundschule

Alle aufgezeichneten Interviews sollen archiviert werden. Erste Schritte und Gespräche hierzu haben bereits stattgefunden. Beraten werden wir von Karl-Heinz-Steinle, Geschichts- und Museumspädagoge, und Prof. Detlef Pech.

Von Detlef Pech stammt die Idee, aus unseren Interviews und deren möglicher Fortsetzung und Vertiefung (biografisches) Lernmaterial für den Grundschul-Sachunterricht zu erstellen. Als Vorbild könnte dienen: »Nicht in die Schultüte gelegt: Schicksale jüdischer Kinder 1933–1942 in Berlin. Ein Lernmaterial zu historischem Lernen und Kinderrechten.« Herausgegeben vom Anne Frank Zentrum Berlin 2014.

Und überhaupt: »Jung fragt Alt« bietet Potenzial in alle Richtungen, etwa die Vermittlung von auskunftsfreudigen Zeitzeugen an andere, interessierte Jugendliche, Erwachsene o.ä.